Lesepredigt zum 9. Sonntag nach Trinitatis

1. August 2021
Predigttext: Jeremia 1, 4-10


Liebe Gemeinde,
viele Dinge in unserem Leben sind bei unserer Geburt schon gesetzt, bevor wir darauf Einfluss nehmen können: Ob wir in Reichtum oder Armut aufwachsen, ob es in unserem Land Frieden oder Krieg gibt, ob wir Wunschkinder sind. Auch die Gaben und Eigenschaften sind schon vorgeprägt. Unsere „Startbedingungen“ sind unterschiedlich.

Vieles in unserem Leben liegt nicht in unserer Hand. Das gilt auch im Negativen: Da haben wir unser Leben geplant und dann werden unsere Wünsche und Hoffnungen durchkreuzt. Da kommen Krankheiten und Krisen. Da bricht der Tod unvermutet und unerwartet in unser Leben hinein. Da kommt eine große Wasserflut und reißt Menschen ihre Existenz weg.

Manche Menschen meinen, dass unser Leben durch ein vorherbestimmtes Schicksal geprägt ist, ja dass alles vorherbestimmt ist. 

Ich glaube das nicht. Ich glaube nicht, dass wir Teil eines einfach ablaufenden Räderwerks sind und unser Tun überhaupt keine Rolle spielt. Es kommt auf uns an, was wir mit dem machen, was uns „in die Wiege gelegt wurde“. Wir werden durch unsere Herkunft geprägt. Wir werden durch das, was wir in unserem Leben erlebt haben und unter welchen Bedingungen wir aufgewachsen sind geprägt. Aber wir taumeln nicht durch unser Leben, sondern wir gehen mit Gott durch diese Lebenszeit. Wir sind nicht einem gesichtslosen Schicksal unterworfen, sondern auserwählt und begleitet von Gott.

Gott kann und wird Türen in unserem Leben öffnen und schließen. Jedoch müssen wir sie dann auch sehen und gehen.

Gott hat dich schon vor der Geborgenheit im Mutterleib erwählt. Du bist ihm heilig. Du bist für Gott wertvoll. Deine Individualität und Persönlichkeit haben etwas mit Gott zu tun. Sie sind darin geborgen. 

Das heißt nicht, dass unser Leben leicht von der Hand gehen wird. Da wird es Widerstände und Enttäuschungen geben. Manche Träume werden sich nicht erfüllen. Aber egal was kommt: Gott geht mit. Davon erzählt die Berufungsgeschichte des Jeremia aus dem Alten Testament Jeremia 1, 4-10:

„Da kam das Wort des Herrn zu mir: „Bevor ich dich im Mutterleib geformt habe, kannte ich dich. Bevor du von deiner Mutter geboren wurdest, warst du schon heilig für mich. Zum Propheten für die Völker habe ich dich bestimmt.“ Ich antwortete: „Ach, mein Gott und Herr, ich kann nicht gut reden! Denn ich bin noch zu jung.“ Doch der Herr erwiderte: „Sag nicht, dass du zu jung bist, sondern geh, wohin ich dich sende! Und verkünde alles, was ich dir auftrage! Fürchte dich nicht vor ihnen, denn ich bin mit dir und werde dich retten!“– So lautet der Ausspruch des Herrn. Dann streckte der Herr seine Hand aus und berührte meinen Mund. Der Herr sagte zu mir: „Ich lege meine Worte in deinen Mund. Sieh her: Ich gebe dir heute einen Auftrag. Über Völker und Königreiche stelle ich dich. Du sollst ausreißen und einreißen, zerstören und vernichten, aber auch aufbauen und pflanzen.“

Jeremia lebte um 600 vor Christus in der Nähe von Jerusalem. Ägypten hatte Juda im Süden Israels geschlagen. Der beliebte König Josia war gefallen. Doch die Mauern der Stadt Jerusalem waren noch intakt. Der Tempel stand wie ein Fels in der Brandung. Gerade in dieser unruhigen Zeit war der Anblick der leuchtenden Tempelmauern über der Stadt ein Trost für die Jerusalemer Menschen. 

Er bekommt von Gott den Auftrag, das Volk zur Umkehr zu rufen. 50 Jahre kündigt er das Gericht Gottes an. Er erlebt die Belagerung und Zerstörung Jerusalems mit. Er wird mit anderen Menschen nach Babylonien verschleppt. Obwohl sich seine Ankündigungen erfüllen werden, folgt man stets falschen Propheten und nicht ihm. 

Man trachtet Jeremia nach dem Leben, er wird geschlagen und gefangen genommen. Bei einem Mordversuch wirft man ihn in eine Zisterne, wo er aber nicht ertrinkt, weil sie glücklicherweise nur mit Schlamm gefüllt ist. Sein ganzes Leben verkündet er Gottes Botschaft doch niemand hört ihm zu. Was für ein frustrierender Auftrag. Man kann verstehen, dass er unter dieser seelischen Last fast an Gott verzweifelt und sein Amt niederlegen will. Ein schweres Leben…. 

Jeremia wehrt sich gegen seine Berufung. Der Auftrag Gottes erscheint ihm als zu groß. Gott geht mit dem Einwand des Jeremia nicht besonders verständnisvoll um. Er macht ihm klar, dass er da jetzt durch muss. Aber er rüstet ihn auch zu: „Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir und werde dich retten!“

Gott hat einen Plan mit Jeremia, einen Auftrag. Jeremia jedoch muss selbst schauen, wie er sich zu diesem Plan stellt und wie er diesen Plan umsetzt. Das Jeremiabuch schildert, wie schwer Jeremias Leben ist. Andererseits wird auch immer wieder beschrieben, wie er Kraft bekommt, um sein Leben zu bestehen. Gott fügt. Das ist etwas ganz anderes als ein gesichtsloses Schicksal. Er traut uns Menschen etwas zu. Er traut uns zu, dass wir über uns hinauswachsen und in unseren Möglichkeiten das Leben gestalten.

Gott macht sich bemerkbar. Hier in dem Predigttext hören wir, wie Gott zu Jeremia spricht. Ob er das in Form eines Traums, einer Vision oder einer Audition tut, so dass der Jeremia Gottes Stimme hört, wird nicht erzählt. Vielleicht spricht dieser Text in der Vergangenheitsform um zu sagen: Rückblickend auf mein Leben können wir manchmal erkennen, wie Gott zu uns „gesprochen“ hat, wie er gefügt, begleitet, bewahrt, gestärkt und gesegnet hat. In der Situation selbst sehen (und hören) wir das oft nicht.

Im Gebet mit Gott können wir die eigenen Anliegen vor Gott auszubreiten. Oft bekommen wir dadurch Klarheit, was nun zu tun ist. Gott wird es fügen. Das ist etwas völlig anderes als der Gedanke eines gesichtslosen Schicksals, das das ganze Leben vorherbestimmt.

Jemand erzählte von seinem Großvater: „Mein Großvater wollte gerne Lehrer werden, wie es auch der Urgroßvater gewesen war. Als er im Sommer 1939 ins Seminar gehen wollte, kam der Krieg. Dann war er lange in Kriegsgefangenschaft. Als er aus der Kriegsgefangenschaft wieder kam, war er zu alt zum Studieren. Er musste den kleinen Kotten seines Onkels übernehmen. So wurde er Bauer. Der Großvater lernte in seinem Leben zu unterscheiden zwischen Beschäftigung, Arbeit und Beruf. Gerne wäre in einem anderen Beruf gewesen, aber im Nachhinein fand er sein Leben mit all seiner Arbeit auch so sinnvoll. Für ihn war es gut so“.

Ein anderer erzählt: Ich war immer ein guter Schüler. Meine Mutter hätte mich gerne an der Uni gesehen. Umwelttechnik, ein Beruf mit Zukunft. Aber dann habe ich nach dem Abitur den Zivildienst in einem Krankenhaus gemacht. Da wusste ich, dass ich Krankenpfleger werden wollte. Hier finde ich das, was ich bisher nicht hatte: Sinnvolle Tätigkeit und Kontakt zu Menschen, die meine Hilfe brauchen, auch wenn die Arbeit oft sehr hart ist.“ 

Wir sind nicht einem Schicksal unterworfen. Wir sind Gedanken Gottes. Gott hat mit uns etwas vor. Und an uns ist es, das zu hören, uns dem zu stellen und es zu gestalten. So lasst uns unsere von Gott geschenkten Gaben nutzen. Und er wird es fügen.
Amen.

Ernst Schmidt