Lesepredigt an Karfreitag, 2. April 2021
Kreuzigung und Tod Jesu nach dem Matthäusevangelium, 27, 31-56

Liebe Gemeinde,
die Soldaten, haben ihren Job getan. Sie haben Jesus misshandelt, ihn verspottet und geschlagen, ihn abgeführt und gekreuzigt. Sie haben dabei nicht mehr empfunden als ein Handwerker, der seine Arbeit macht. Menschen zu töten, das ist ihr Handwerk, ihr Job. Unglaublich, aber immer wieder in der Welt zu finden gerade in diesen Tagen in Myanmar. Menschen misshandeln und töten andere. In manchen Ländern werden selbst Kinder zu Kindersoldaten abgerichtet, ihre Herzen gebrochen. Jeder meint, auf der Seite des Rechts zu sein. Es hat sich über die Jahrtausende nichts geändert.

Jesus hängt am Kreuz, über ihm die Tafel mit dem Urteilsspruch. Das war bei den Römern so üblich, denn auch Rom war zu Recht stolz darauf, ein Rechtsstaat zu sein. "INRI" steht da (Jesus aus Nazareth, König der Juden). Das war der Grund für die Todesstrafe Jesu. Die Ältesten hatten seinen Anspruch auf die Krone Israels sehr deutlich ausgesprochen, um ihn durch Rom verurteilen zu lassen.                

Unter dem Gekreuzigten spielen die Soldaten mit Würfeln, denn das Bewachen ist langweilig. Ihnen steht per Gesetz die Kleidung des Verurteilten zu. Sie bekommen ohnehin wenig Lohn. Jesus trug einen kostbaren Mantel, den sie nicht zerschneiden wollen, also würfeln sie um ihn. Selbst das Letzte hat man Jesus genommen und ihn vollkommen entehrt. Fast nackt hängt er da am Kreuz.

Die Leute, die vorbeikommen, verhöhnen ihn und schütteln den Kopf. „Wenn du Gottes Sohn bist, hilf dir selbst und steig herab vom Kreuz!“ Sogar die Verbrecher, die man mit ihm zusammen gekreuzigt hat, schmähen ihn. (Dass da einer von den Räubern erkennt, wer Jesus wirklich ist, wird nur der Evangelist des Lukasevangeliums erzählten – Matthäus jedoch nicht). So gehen die Menschen am Kreuz vorbei und merken gar nicht, was wirklich geschieht. Das tut weh! Neben all den furchtbaren Schmerzen kein Mitleid zu erfahren, nicht verstanden zu werden.

Die Psalmen beschreiben in ihren Klageliedern den leidenden Gerechten. In Psalm 22 heißt es: "Mein Gott, mein Gott warum hast du mich verlassen?" Hat nicht das Volk Gottes diese Klage immer wieder in seiner Geschichte ausgesprochen? Warum bewahrt Gott nicht sein Volk vor aller Gefahr? Warum durften Feinde über sie herfallen? Und dennoch erfuhren sie auch, dass Gott auch in der tiefsten Verlassenheit nahe ist, denn er weiß, wie es sich anfühlt, wenn man den Boden unter den Füßen verliert. Verlassen sein ist eine Grenzerfahrung, die viele Menschen in ihrem Leben machen müssen.
Da reißt eine tödliche Diagnose einen Menschen aus seinem Alltag. Eine Krise lässt das Lebensgebäude in sich zusammenfallen. Auf die Frage: „Warum gerade ich?“ gibt es meist keine Antwort. Die letzten Fragen können wir nicht beantworten.

Und dann stirbt Jesus, aber Niemand nimmt es wahr. "Für euch gegeben", könnte er sagen, für euch alle gegeben, um ein für alle Mal den Weg zu Gott frei zu machen. „Für euch gegeben“, könnte Jesus sagen, aber würde man ihn nicht erst recht verlachen? Ist es nicht auch für uns furchtbar schwer, zu verstehen, was dort am Kreuz geschah? Dass das mit uns Menschen etwas zu tun hat?

Als Jesus starb, bebte die Erde, so erzählt des der Evangelist des Matthäusevangeliums. Das geschieht in Israel öfter, auch heutzutage, denn Israel liegt auf einem tektonischen Gebiet. Es ist von keiner Panik die Rede. Soldaten und Zuschauer, auch die Frauen, die Jesus nachfolgten, laufen nicht davon. Aber der Hauptmann der römischen Soldaten erkennt etwas. Es sind die Heiden, die den Zusammenhang zwischen Jesu Tod und Beben verstehen. Er erkennt und bekennt: „Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen!“ 

Und Matthäus erzählt von Gräbern die sich auftun, und Toten die lebendig werden. Das klingt düster ist aber schon ein Hinweis auf die Auferstehung Jesu und die Konsequenzen von Jesu Tod und Auferstehung. Der Tod ist zwar da. Er bleibt die Grenze unseres Lebens, aber er ist besiegt. Leben ist möglich durch den Tod hindurch. Der Tod hat nicht das letzte Wort.

Wo befinden wir uns heute am Karfreitag 2021 unter den Betrachtern der Szene? Stehen wir bei den Frauen, die alles beobachten und in ihrem Herzen bewahren? Sie sagen nichts, aber sie werden die ersten Zeugen der Auferstehung sein und sie verkünden.

Oder gehen wir mit den Leuten vorbei, die nichts verstehen und auch kein Mitleid mit dem Gescheiterten haben?

Gehören wir zu denen, die dann doch Mitleid ergreift, oder die helfen, weil man es so tut oder tun muss, wie der Simon von Kyrene, der das Kreuz mitträgt?

Gehören wir zu den Schaulustigen, die ein Schauspiel begaffen?
Oder zu den vielen, die meinen, dass sie das alles gar nichts angehe?
Das Geschehen am Kreuz hat mit uns zu tun, mit unserer Welt, mit unserem Versuch das Gute zu wollen, aber immer wieder zu scheitern. Das Geschehen am Kreuz hat mit unserer Schuld zu tun. Mit dem „immer unsere eigenen Wege gehen wollen“, mit unserem Misstrauen gegenüber dem liebenden Gott. 

Matthäus nimmt uns in das Geschehen auf Golgatha mit hinein. Er zeigt das Schreckliche aber er wird später auch die Hoffnungsworte Jesu überliefern. „Ich bin immer bei Euch.“ Egal ob ihr ganz unten seid, am Ende, egal ob euer Leben euch leicht gelingt. Ich bin immer bei Euch! Das hat Gott schon viele Jahre vorher dem Mose gesagt: „Ich bin der ich bin da,“ so sagte er es. Das gilt. Das gilt, auch wenn ihr euch von mir entfernt habt. Ihr könnt zu jeder Zeit wieder neu beginnen. So sehr liebt Gott.

Karfreitag fordert uns auf, über uns und unser Leben nachzudenken. Möglicherweise erschrecken wir darüber, dass wir oft nicht so leben, wie wir es eigentlich wollen und wie es recht wäre. Je älter wir werden, umso mehr merken wir, dass wir auch schuldig werden gegenüber andern, gegenüber uns selbst, gegenüber Gott. Das belastet.
Andererseits sagt uns gerade Karfreitag: Die Tür zu Gott ist offen. 

Denn unsere Schuld ist vergeben, auch wenn wir weiterhin schuldig werden. Der Weg zu Gott ist frei, egal wie weit unten wir sind. Denn Gott selbst nimmt die Schuld auf sich und eröffnet Heil über den Tod hinaus.
So sehr hat Gott die Welt geliebt, auf das alle, die an ihn glauben nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.
Frohe Botschaft an Karfreitag. 

Gott segne Sie. Amen.

Die Lesepredigt gibt es hier auch Audio-Datei.