LESEPREDIGT am letzten Sonntag nach Epiphanias

31. Januar 2021
Wochenspruch: Über dir geht auf der Herr, und seine Herrlichkeit erscheint über dir.    (Jesaja 60, 2b)
Predigttext: Meine Seele wartet auf den Herrn mehr als die Wächter auf den Morgen.     (Ps 130, 6)


Menschen in Erwartung. Sie sind auf ein Gerüst geklettert. Hoch oben über der Stadt haben sie ihren Platz gefunden und schauen in die Ferne. Die Häuser liegen weit unter ihnen. Das Gerüst scheint sich leicht zu bewegen. So hält sich einer ganz oben mit seinen überdimensionalen Händen am Gerüst fest. Er beugt sich vor, als wenn er in dieser Haltung besser sehen könnte. In seinen Gesichtszügen hat sich das Leben faltig eingebrannt. Viel hat er erlebt, erleben müssen; vielleicht auch Schweres. Über ihm weht ein Wimpel im Wind. 

Ein anderer hält sich ein Fernglas vor Augen. Er versucht, das, was er in der Ferne erahnt mit dem Fernglas scharf zu stellen. Mit kurzer Hose und Lederschuhen auf einer Querstrebe des Gerüsts stehend, lehnt er sich leicht zurück um auf dem leicht schwankenden Gerüst Halt zu finden.

In der Mitte sind zwei Menschen ganz dicht beieinander abgebildet. Der eine von ihnen wird durch den Kopf des anderen halb verdeckt. Er hat einen fragenden Gesichtsausdruck. Mit seiner Rechten zeigt er nach vorne, als wenn er sagen wollte: „Ist das die Wende? Kannst du es schon sehen? Beginnt das neue, der neue Morgen?“ Und der rechts neben ihm hält sich am Gerüst und an der Frau unter ihm fest, um nicht zu fallen. Seine Augen sind traurig. Aber er blickt gleichzeitig hoffnungsvoll nach vorne. Die Sehnsucht nach Trost drückt sich in seinem zerfurchten Gesicht aus.

Unten sitzt eine Frau, nur halb bekleidet. Ihr Rock hat sich verschoben, als sie ihren Platz einnahm und gibt ihre Oberschenkel frei. Ihre Brüste zeichnen sich ab. Die nackten Füße sind zu sehen. Müde sieht ihr Gesicht aus. Müde Augen. Was hat sie wohl alles in ihrem Leben erlebt, vielleicht auch über sich ergehen lassen müssen. Ein müdes Gesicht, doch gleichzeitig schaut sie wach und gespannt in die Richtung der anderen. Sie wischt sich die Haare aus dem Gesicht, um besser sehen zu können. 

Auch ein Hund ist dabei. Zwischen den Menschen auf dem Gerüst schiebt er sich mit seinem Kopf hervor. Wartet er mit den anderen?

So haben sie sich zusammengefunden hoch oben auf dem Gerüst über der Stadt. Ein zusammengewürfelter Haufen gezeichnet vom harten Leben. Die Rohre des Gerüsts erinnern an Gitterstäbe, als wenn der Künstler Menschen darstellen wollte, die in ihrer Situation gefangen sind.

Links ist eine Mondsichel abgebildet. Sie leuchtet in die Nacht hinein.

Noch ist es Nacht. Aber die Menschen haben ihren Kopf erhoben und schauen gebannt schräg nach oben in die Ferne. Sie suchen die Zeichen des neuen Tages. Sie warten auf das Dämmern des Morgens, das aufgehende Licht in der Nacht. Den Beginn des neuen Tages.  
Walter Habdank (1930-2001) hat diesen meditativen Holzschnitt 1975 erschaffen. Er hat ihn „Erwartung“ genannt. 

Zu allen Zeiten hat es Menschen gegeben, die warteten. Menschen, die auf das Eingreifen Gottes warteten. Menschen die auf Trost warteten. Menschen, die auf den verheißenen Messias warteten. Menschen, die auf Vergebung und Erlösung warteten, auf die Wende und den Neuanfang in ihrem Leben. 

Auch wir sind im Moment Wartende. Die Coronapandemie bestimmt einen großen Teil unseres Lebens. Wir müssen mit massiven Einschränkungen leben. So erwarten wir das Ende des Lockdowns, denn der Eingriff in unsere Freiheitsrechte wiegt schwer. Wir warten darauf, dass nach diesem ungeordneten und mit Pannen überschatteten Beginn der Impfungen doch nun bald alle Menschen die Möglichkeit bekommen, sich gegen das Virus impfen zu lassen. 

Wir erwarten sehnsüchtig ein Stück Normalität: Die Möglichkeit, wieder gemeinsam Gottesdienst zu feiern; die Möglichkeit, gemeinsam am Abendmahl teilzunehmen. Wir möchten uns wieder gegenseitig besuchen und im Freundes- und Familienkreis feiern. Wir möchten einfach miteinander Gemeinschaft erleben ohne erst lange darüber nachzudenken, was man alles tun muss, damit man einen möglichst großen Abstand hält und sich nicht gegenseitig ansteckt. Wir sehnen uns nach Ausflügen und Reisen, Schwimmen und Museumsbesuchen, Konzerten, Kaffee und Kuchen in einem schönen Café… Wann wir das wieder möglich sein?

Für manche wird die Zeit des Wartens knapp. Die Schülerinnen und Schüler der Abschlussjahrgänge fragen sich, wie sie sich auf die bevorstehenden Prüfungen vorbereiten können, wenn kein Unterricht in der Schule möglich ist. Eltern, die Beruf oder Homeoffice und Homeschooling oft unter engen Wohnungs- und Lebensbedingungen irgendwie hinbekommen müssen, sind zunehmend mit ihren Nerven am Ende. Selbständige, deren berufliche Existenz auf der Kippe steht, da sie ihr Geschäft nicht öffnen können oder keine Aufträge bekommen, warten sehnlichst auf das Ende des Lockdowns. So fühlen wir uns manchmal ähnlich müde und traurig und verlebt, wie die Menschen, die Walter Habdank auf dem Holzschnitt dargestellt hat. 

Gerade in den Nächten, in schlaflos durchwachten Nächten, werden die Sorgen besonders groß und die Seele findet keine Ruhe.

So wie die Menschen in dem Holzschnitt auf den Morgen warten, so warten wir auf Gottes Mit-sein.

Wenn die Morgendämmerung langsam in der Ferne zu sehen ist, dann beginnt etwas Neues. Der Morgen mit der aufgehenden Sonne bildet den Kontrast zur Nacht mit ihrer Dunkelheit. 

„Meine Seele wartet auf den Herrn mehr als die Wächter auf den Morgen“, so sagt es der Psalmist in Psalm 130.

Die Wächter über der Stadt sehnten zurzeit des Psalmbeters den neuen Morgen herbei. Dann war die Zeit der größten Gefahren und Bedrohungen für ihre Stadt wieder vorüber.

Wie viele Menschen unserer Stadt sehnen sich danach, dass die „Nacht“ der weltweiten Pandemie, um im Bild des Psalmworts zu bleiben, endlich vorbeigeht.

So sicher Gott am Ende jeder Nacht die Sonne wieder aufgehen lässt, so ist es auch die Zuversicht des Psalmbeters, dass Gott sich ihm wieder gnadenvoll zuwenden und ihn über kurz oder lang aus seiner tiefen Not erretten wird. Die Schrecken der Nacht verlieren im Morgengrauen des anbrechenden Tages ihre Bedrohlichkeit. 

Wenn der neue Tag kommt, wird es nicht der gleiche Tag sein wie vorher. Es ist ein neuer Tag! Wenn die Coronapandemie unser Leben nicht mehr so bestimmt wie sie es jetzt tut, dann wird unser Leben ein anderes sein als vorher.

Vielleicht leben wir intensiver mit einem Blick auf die wesentlichen Dinge des Lebens. Vielleicht setzen wir dauerhaft in unserem Alltag um, was uns jetzt in der Coronapandemie am Leben wichtig geworden ist. Unsere Zuversicht ist nicht nur, dass wir Menschen in absehbarerer Zeit unsere Impfungen bekommen. Unsere Zuversicht ist es, dass Gott uns über kurz oder lang aus dem tiefen Abgrund unserer Seele rettet. Meine Seele wartet auf Gott. Meine Seele wartet auf Heilung.

Noch ist es Nacht, aber der Blick geht nach vorne. 

Möge Gott uns in dieser Zeit einen langen Atem schenken. Amen.

Ernst Schmidt